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Kaspar Häuser Meer – Felicia Zeller stellt die Verwalterinnen des Elends in den Mittelpunkt

Gesten der Hilflosigkeit

von Regine Müller

13. Mai 2008. Auf der Bühne steht eine Holzkiste, so groß wie ein Frachtcontainer, und brütet eine Weile vor sich hin. Man könnte ein großes Tier damit transportieren, doch als schließlich krachend eine Wand zu Boden geht, steckt kein Rhinozeros in der Kiste, sondern drei Frauen. Sie werden diese Kiste, deren Wände in stechendem Gelb bemalt sind, in den folgenden 70 Minuten nicht verlassen, sondern ruhelos darin rotieren. Die drei Frauen sind Sozialarbeiterinnen im Jugendamt, sie betreuen Kinder und Jugendliche aus sogenannten schwierigen Verhältnissen.

Ihr aussichtloser Job ist zu verhindern, dass das passiert, was derzeit beinahe täglich gemeldet wird: Vernachlässigung, Verwahrlosung, Kindesmisshandlung mit Todesfolge. Die drei Frauen sind überfordert, hoffnungslos überarbeitet und ausgebrannt. Kollege Björn hat jüngst das Handtuch geworfen, dessen "Fälle" dürfen die drei nun auch noch übernehmen. Dabei haben sie alle noch ihr eigenes Päckchen zu tragen. Wie die allein erziehende Mutter Anika, die von der Angst getrieben ist, die eigene Tochter vernachlässigen zu müssen, um andere Kinder vor Vernachlässigung zu bewahren. Oder die nervöse Silvia, die ihr Alkoholproblem vor den Kollegen nicht mehr verbergen kann, oder die alt gediente Barbara, die zwar längst desillusioniert ist, aber dennoch unter dem Stress der Verantwortung in die Knie geht.

Verwalterinnen des Elends

"Das Jugendamt betreute die Familie seit Jahren", lautet ja stets der höhnisch klingende letzte Satz der Schreckensnachrichten. Und die Klage über den gleichgültigen, faulen Beamtenapparat ist da nicht weit. Doch damit wollte Felicia Zeller sich nicht zufrieden geben.

Als die in Stuttgart geborene, heute in Berlin lebende Autorin vom Theater Freiburg den heiklen Auftrag erhielt, ein Stück über den Fall 'Kevin' zu schreiben – in Bremen war 2006 ein zweijähriger Junge tot im Kühlschrank seines Ziehvaters aufgefunden worden, obwohl die Familie unter der Beobachtung des Jugendamts stand –, entschied sie sich gegen die beliebte Beamtenschelte, aber auch gegen die Sozialschnulze, gegen Betroffenheitstheater und wohlfeile Schuldzuweisungen.

Mit den drei Sozialarbeiterinnen stellt sie in "Kaspar Häuser Meer" die Verwalter des Elends in den Mittelpunkt, die in beinahe kafkaesker Aussichtslosigkeit scheitern müssen und selbst Opfer eines Systems sind, das weder sie noch der Betrachter durchschauen.

Konzentriertes Burnout-Terzett

Ohnmacht und Kapitulation sprechen aus jeder Zeile des wie in einer Endlosschleife kreisenden Stücks, das oratorische Züge trägt und enorm musikalisch komponiert ist. Beschwörende Monologe, zäh ringende Duette und skandierte Terzette wechseln einander in atemlosem Staccato ab. Als lähmende Kontrapunkte kommen auch die Stimmen der "Klienten" ins Spiel, ihre Rechtfertigungen, ihre Abwehr – "TOTAL VERPENNT EY DAS TUT MIR JETZT ECHT EY LEID" –, ihre Ausflüchte. Dazu kommen die Zwänge des Arbeitsalltags im Amt, der Horror der Formalitäten, die schwerfällige Hierarchie, die Rivalität der Kollegen.

Die verschiedenen Stimmen überlagern einander, stören sich, zerhacken sich gegenseitig und münden doch im geordneten Chaos einer erstaunlich stimmigen Szenerie. Zellers beeindruckend konzentriertes, dichtes Stück ist eine böse Farce, die nichts beschönigt oder verharmlost, sondern gnadenlos beleuchtet, ohne Lösungen anzubieten.

Marcus Lobbes hat mit hohem Tempo und rhythmischer Präzision inszeniert. Rebecca Klingenberg, Bettina Grahs und Britta Hammelstein geben ein wunderbar aufeinander eingespieltes Burnout-Terzett ab, das sie mit sparsamen Gesten der Hilflosigkeit unterlegen. Mit gebremstem, aber hoch konzentriertem Körpereinsatz lässt Lobbes die drei aufeinander los, von schnörkelloser Klarheit ist seine Choreografie der unterdrückten Verzweiflung, die oft in grausame Komik umschlägt. Zellers gekonnte Gratwanderung zwischen Farce und Doku-Drama trifft Lobbes mit seiner formal strengen Regiearbeit genau.

Präzise und ungemein wirkungsvoll ist auch Udo Selbers Musik (eine verzerrte Version von "We will rock you") eingesetzt, fast verzichtbar dagegen scheint der während der gesamten Spieldauer hinter die Bühne projizierte "Counter Strike"-Einsatz via Video. Begeisterung, sogar Szenenapplaus.

Kaspar Häuser Meer
von Felicia Zeller
Uraufführung am 20. Januar 2008 am Kleinen Haus des Theater Freiburg

Regie: Marcus Lobbes, Bühne und Kostüme: Christoph Ernst, Dramaturgie: Josef Mackert. Mit: Bettina Grahs, Britta Hammelstein, Rebecca Klingenberg.

www.theater-freiburg.de

Zum nachtkritik-Dossier zu "Kaspar Häuser Meer" gelangen Sie hier. Lesen Sie außerdem unseren Bericht vom Publikumsgespräch. Im ruhrpod 7 spricht Felicia Zeller selbst.

Kommentare (3)add comment
Mein bestes Konzerterlebnis dieses Jahr
geschrieben von Mosh P. , 15. Mai 2008, 15:05

"Burnout-Terzett" - sehr schön. Und doch finde ich diese Kritik etwas zu verhalten, gemessen an der thematischen Relevanz und der ästhetischen Wucht dieses Abends. Geschichten aus dem Jugendamt sind hier aufgewertet zu einem echten Popkonzert. Der Text von Zeller ist ein Premiumwerk: genau recherchiert, sprachlich präzise, durch Fragmentierungen und Brüche jederzeit spannend und herausfordernd und überhaupt auf äußerst prägnante Szenen(-partikel) verknappt.
Erst die Inszenierung aber bringt die Musikalität dieses Projekts vollends zur Geltung, indem sie sich auf das Virtuosentum der mal rasend schnell sprechenden, mal skuril gedehnte O-Ton-Chöre einschiebenden Schauspielerinnen verlässt. Kein Firlefanz, keine Requisiten. Ein massives Sounderlebnis, wie man es aus guter Pop-Musik kennt: Sehr viel Emotion und Live-Gefühl und auf die Texte kann man auch noch mit Gewinn hören (und hoffentlich kann man Zellers Booklet dann auch bald nachlesen). Schade, dass es in Mülheim kein Moshpit gab. Man hätte mitrocken wollen.
Eine Randnotiz: Die "Counter Strike"-Projektionen - mitnichten verzichtbar - zeigen, dass es bei Zeller nicht nur um einen irgendwie marginalen Alltagswahnsinn in einer beliebigen Behörde geht, sondern um den Zerfall eines Fürsorgeversprechens, das vom gesamten Beamtenstaat in der heutigen Form immer weniger geleistet werden kann. Wenn die drei furiosen Schauspielerinnen im Schlussbild wie Hinrichtungsopfer an der Wand stehen und die Counter-Strike-MP auf sie zielt, dann verknüpft sich ihr Problem mit demjenigen der (ebenfalls verbeamteten) Lehrerschaft, die die Versäumnisse der Familienpolitik eine Alterstufe höher auszubaden hat.
Im Übrigen: Einen solchen thematisch und ästethisch zwingenden Theaterabend vermisst man durchaus auch beim Theatertreffen in Berlin.



Gerockt!
geschrieben von Smith , 15. Mai 2008, 18:05

Ich bin mir zwar nicht sicher, ob der Anspannungsabbau im Moshpit das richtige Ventil für den durch diese auch nach meiner Meinung äußerst kraftvollen Inszenierung aufgebauten Druck ist. Wie Mosh P. fand ich aber die "Counter Strike"-Projektionen überaus stimmig. Die doppelte Perspektive der drei Frauen, ihr eigenes Hetzen durch eine feindliche Welt aus "Fällen", Zeitnöten und Verwaltungsstrukturen ebenso wie ihr Verfolgt-Werden durch eben diesen Arbeitsalltag wird durch das Ego-Shooter-Video eindrucksvoll veranschaulicht. Außerdem gab es dem doch recht statischen Bühnengeschehen eine pointierte, weil eben nur virtuelle, Dynamik. Eigentlich bewegt sich nichts. Die "We will rock you"-Einspieler weisen als strukturierende Elemente in die selbe Richtung: Das Licht geht aus, das Schlagzeug rattert, dann beginnt ein neuer, aussichtloser Tag. So wünscht man sich ein Ineinandergreifen von Inhalt und Form!


More Mosh!
geschrieben von Groundling , 18. Mai 2008, 02:05

Stimme Mosh P. zu. Der Moshpit für energiegeladene Theaterabende ist unbedingt erforderlich. Gab's schließlich schon bei Shakespeare: Massive Roars im Pit!



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