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Der Sprachabschneider – Lars Reichow inszeniert den Kinderbuchklassiker von Hans Joachim Schädlich

Zungenbrecher und Zylinder

von Regine Müller

15. Mai 2008. Früher war das mit dem Kindertheater so ähnlich wie mit dem Kinderteller im Restaurant: geringes Risiko im Angebot (Pommes!), garantierte Zufriedenheit und rasche Sättigung. Man bevorzugte also Märchenstoffe oder schlichte Lehrstücke und schickte gutmütige und/oder böse Tiere sowie erklärende Zauberonkels auf die Bühne, um zu unterweisen und zugleich ein nachwachsendes Theaterpublikum anzufixen. Diese Zeiten scheinen vielerorts vorbei zu sein. Die Inhalte des aktuellen, nicht an problemloser Abfütterung interessierten Kindertheaters wollen heutig sein, das junge Publikum ernst nehmen und Anspruch zeigen.

"Das Sprachthema ist absolut dran," sagt Theaterpädagoge Frieder Saar, der für die Auswahl der Gastspiele verantwortlich ist. Dass Kinder es spannend finden, über Sprache und Sprechen nachzudenken, bestätigt sich während der guten Stunde, in der es auf der Bühne des Theaterzelts am Mülheimer Wasserbahnhof vor allem darum geht, wie es ist, ohne Präpositionen und bestimmte Artikel zu sprechen und was es bedeutet, bei doppelten Konsonanten am Wortbeginn auf deren ersten zu verzichten.

"Vorne viel, hinten olog!"

Paula ist eine Tagträumerin und hat wenig Lust auf lästige Hausaufgaben-Pflichten. Doch unversehens winkt Entlastung: Ein seltsamer Herr mit Zylinder, der sich als "Vielolog" ("Vorne viel, hinten olog!") vorstellt, bietet seine Dienste an. Er übernimmt die Hausaufgaben, dafür muss Paula künftig beim Sprechen ohne Präpositionen und bestimmte Artikel auskommen. "Was sind Präpositionen?", fragt Paula in Richtung Zeltdecke. "Präpositionen sind Verhältniswörter", tönt es sonor und didaktisch aus dem Off, "mit, durch, auf, über". Das scheint Paula ein gutes Geschäft zu sein, und so gibt sie dem Westentaschen-Mephisto ihr Wort. Doch alsbald muss sie erfahren, dass mit verstümmelten Sprachkenntnissen die Verständigung schwierig und das Leben mit dieser Einschränkung sogar ohne Hausaufgaben nicht lustiger wird.

Missverständnisse sorgen für neue Aufgaben, für die sich erneut der diensteifrige Herr anbietet. Wiederum fällt Paula auf das Angebot herein und kann fortan Verben nur noch im Infinitiv benutzen. Das klingt harmlos, tatsächlich ist sie aber so nicht mehr in der Lage zu kommunizieren und hat nun erst recht eine Menge Ärger am Hals: "Das gehen so nicht!" Ein zungenbrecherischer Sprach- und Sprech-Wettstreit mit dem "Sprachabschneider", den Paula mithilfe ihres treuen Freunds Bruno gewinnt, gibt Paula schließlich die Sprache und damit die soziale Zugehörigkeit zurück. Und der Sprachabschneider hat eine neue Geschäftsidee: Künftig will er als Gedankenstaubsauger arbeiten.

Zauberonkel im Frack

Das subtile Thema fesselt die Kids tatsächlich, gespielt wird vom Terzett aus dem Jungen Staatstheater Wiesbaden aber in guter alter Kindertheater-Manier, nämlich holzschnittartig. Regisseur Lars Reichow lässt den "Sprachabschneider" (Wolfgang Zarnack) wieder einmal als Zauberonkel mit Frack und Zylinder auftreten und ein bisschen dämonisch dröhnen. Elke Opitz ist eine tantenhafte Mutter und später ein albern grinsender Bruno, auch Oda Zuschneid trägt als Paula dick auf, überzeugt aber über weite Strecken mit ungekünstelter Intensität. Reichows Regie bleibt ansonsten auf dem Teppich und erzählt gradlinig und temporeich. Warum aber im Kindertheater aus einem Lächeln immer noch ein feistes Grinsen werden muss, und warum man immer noch die Hände in die Hüften stemmt und die Augen rollt, wird wohl ein unlösbares Rätsel bleiben.


Der Sprachabschneider
nach Hans Joachim Schädlich

Regie: Lars Reichow. Spiel: Oda Zuschneid, Elke Opitz, Wolfgang Zarnack.

www.staatstheater-wiesbaden.de


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