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Presseschau zur Jurydebatte der 33. Mülheimer Theatertage

Einmütig 5:0

25.-28. Mai 2008.
"Fast schon gespenstisch" findet eine Kritikerin die Einmütigkeit der Jury-Entscheidung für Dea Lohers "Das letzte Feuer". Die meisten Berichterstatter sind mit ihr sehr einverstanden, einige finden aber, dass die Mülheimer Theatertage schon deutlich stärkere Stücke-Jahrgänge erlebt haben.

Für Stefan Keim von der Frankfurter Rundschau (26.5.08) ist es "keine Frage", dass die Vergabe des Mülheimer Dramatikerpreises an Dea Loher "eine gute Entscheidung" ist, "für ein formal perfektes und emotional ergreifendes Stück Gegenwartstheater". In diesem "Panorama des Leidens" sieht Keim durchaus "Momente eines tröstlichen Humors" durchblitzen. "Die übrigen etablierten Autoren" wie Fritz Kater, René Pollesch und Theresia Walser, hätten "am Ende keine große Rolle" gespielt, vielmehr sei Mülheim "diesmal auch ein Festival der nächsten Autorengeneration" gewesen. Vor allem Ewald Palmetshofer habe Aufmerksamkeit erregt, dessen Stück "hamlet ist tot" als "tiefschwarze, irritierende Komödie" in "eigenwilligem Stil" in der Jury "Unsicherheit" ausgelöst habe. Die "Farce" "Kaspar Häuser Meer", für die Felicia Zeller den Publikumspreis bekam, steht Keims Meinung nach "für die Neigung vieler Autoren, sich auf aktuelle gesellschaftliche Diskussionen einzulassen". Wie Juror Wilfried Schulz vermisst er in der Auswahl übrigens die "von den Theatern immer wieder geforderten und oft nachgespielten Zeitstücke", etwa von Lutz Hübner.

Natalie Bloch
spricht Dea Lohers Siegerstück "Das letzte Feuer" in der taz (28.5.08) die "Wucht einer antiken Tragödie" zu, deren "Unmaß an Leid, Krankheit und Trauer" nur zu ertragen sei, weil es "in eine lyrisch verdichtete Sprache gehoben" werde. Die Kritikerin beobachtet insgesamt "eine Tendenz zu düsteren Stücken", besonders zu "den kleineren und größeren Leidensgeschichten des globalen Kapitalismus und seinen Verlierern". Auf diesem Feld unternehme Palmetshofer "erstaunlich tief gehende Bohrungen" und bringe "die Situation des schwerelos kreiselnden Menschen 'im globalen Rechnungswesen der Gegenwart' auf den Punkt". Auch Kater zeige "die Veränderungen unserer Lebenswelt unter globalisierten Bedingungen". Bei Löhle werde es "kapitalismuskritisch komisch", aber "vielleicht ein wenig zu glatt durchdekliniert". Und Pollesch sei zugute zu halten, dass er "unermüdlich einen symbolischen Kampf um die Bilder und die Sprache führt, die uns bestimmen". Walser und de Weck legten "Musikalität und 'Sprachsound' anhand realer Situationen und Milieus" frei. Zeller leite die den Menschen "gekonnt" abgelauschte Alltagssprache "durchs hauseigene Tonstudio" und belege, "dass man auch mit artifiziell komponierten Textflächen den heutigen Menschen im Kern treffen kann".

Für Deutschlandradio Kultur (25.5.08) bilanzierte Dina Netz die 33. Mülheimer Theatertage. Während das Festival in den vergangenen Jahren mit den "immergleichen Namen" in Routine zu erstarren drohte, sei im letzten Jahr mit Rimini Protokoll "Bewegung in den Wettbewerb" gekommen, indem "das Ende des traditionellen Theaterstückes prämiert" worden sei. In diesem Jahr feiere man hingegen "die Wiederauferstehung des Theaterstücks", mit "gleich vier Mülheim-Debütanten". Unter ihnen Felicia Zeller, die für Netz jedoch "kaum neue Erkenntnisse zutage gespült" habe und "zumindest nicht weit hinaus über bloßen Naturalismus" hinauskomme. Palmetshofer habe "sowohl formal als auch inhaltlich das komplizierteste Stück" geliefert, in dem sie Shakespeare- und Pollesch-Anteile zusammenkommen sieht. Die Jury allerdings sei "des Stückes nicht ganz Herr" geworden. Dabei ist "Palmetshofers spielerischer Umgang mit dem postdramatischen Theater" ihrer Meinung nach "typisch für die Stücke dieses Jahres", denn: "so viele unvollständige Sätze waren nie in Mülheim". Außerdem sei dort "über die Lebensbedingungen im Kapitalismus zu erfahren" gewesen. Das Siegerstück von Dea Loher bewertet Netz als "das perfekteste und zugleich bewegendste Stück der Auswahl".

"In einer fast schon gespenstischen Einmütigkeit" hätten die fünf Juroren ihre Entscheidung für Dea Loher getroffen, schreibt Margitta Ulbricht in der Westdeutschen Allgemeinen (26.5.08) – "ohne große verbale Gefechte, ohne den Drang, einen anderen Autor durchzudrücken". "Statt auf Innovation setzte die Jury auf Tradition und gab einer gestandenen Autorin den Preis", habe sich außerdem "in ihren flammenden Plädoyers" förmlich überschlagen. "Als heiße Anwärterin" habe Felicia Zeller immerhin den Publikumspreis eingeheimst. "So wichtig und richtig (...) die öffentliche Debatte um die Preisvergabe auch sein" möge, "diesmal hätte man sich die ganze Prozedur eigentlich schenken können", da die Entscheidung eigentlich schon beim Schlussapplaus der Kriegenburg-Inszenierung klar gewesen sei. Ulbricht berichtet, dass 6300 Menschen die Debatte im Internet verfolgten und ein Zuschauer im Saal durchaus "Kritik an der Auswahl des Jahrgangs 08" äußerte. Auch Oliver Bukowski habe "für Lacher und frischen Wind" gesorgt, als er in der Endrunde "seine Stimme zuerst 'für Heckmanns', der natürlich nicht dabei war", abgab.

Für Rolf Pfeiffer von der Westfälischen Rundschau (26.5.08) geht die Preisentscheidung, "gemessen an der Qualität der Mitbewerber" "in Ordnung". Dea Lohers Stück rage "in mehrfacher Hinsicht heraus", zeige "vor allem ein gehöriges Maß an Professionalität". Pfeiffer glaubt allerdings, dass "vom dramatischen Kern nicht viel übrig" bliebe, wenn man den "in der Seele leidenden Figuren" Lohers "einige Therapieangebote zukommen lassen" würde. Bezüglich Felicia Zeller findet er an der Diskussion bemerkenswert, dass "der scheinbar so eindeutige Naturalismus" sich im Verlauf als Beschreibungskategorie verflüchtigt habe. Die "kontroverse Diskussion" verdeutliche "die Qualität der Vorlage". Palmetshofers Stück hingegen sei "uneindeutig" und "unfertig wie die Sätze, aus denen es besteht". Die meisten Stücke sind für Pfeiffer "von großer Schlichtheit". "Einen 'großen Jahrgang' jedenfalls, wie Jury-Mitglieder behaupteten, hat Mülheim 2008 nicht gesehen."

Das letzte Gastspiel der Theatertage hält Jacqueline Siepmann von der Neuen Rhein/Ruhr Zeitung (26.5.08) für deren "künstlerischen Höhepunkt", der zwischen "ein paar vielversprechenden Mülheim-Neulingen, einigen spannenden Experimenten und erstaunlich viel Mittelmaß" "wie ein kostbarer Solitär" geglänzt und geleuchtet habe. Lohers "Tragödie voller Welthaltigkeit" sei ein "außergewöhnliches, außergewöhnlich konzentriertes und dichtes Stück in einem (...) nicht besonders starken 'Stücke'-Jahrgang". Auch die "Routiniers" seien "in den Vorjahren schon mit weitaus stärkeren Abenden vertreten" gewesen. Positiv überrascht ist Siepmann allerdings von Felicia Zellers "kunstvoll komponiertem Drama um die täglichen Lebensüberforderungen von drei Sozialarbeiterinnen im Jugendamt".

Hans-Christoph Zimmermann
findet es im Mannheimer Morgen (27.5.08) bemerkenswert, dass "die Newcomerfraktion anstatt mit Familienstücken oder Nabelschau durchweg mit bös-bissigen Komödien aufwartete". Das gelte für Zeller, Palmetshofer, de Weck und Löhle, deren Stücken trotz ihres Humors die "ernsthafte Auseinandersetzung mit der Gesellschaft" anzumerken sei. Gleiches gelte auch für die älteren Autoren, "allerdings mit verblüffend deutlichen Schwächen": Kater und Pollesch hätten die "sattsam bekannten Themen und Dramaturgien" geliefert, Walser sich gar als "Totalausfall" erwiesen, so dass Loher "leichtes Spiel" gehabt habe. "Das letzte Feuer" wirkt auf Zimmermann auf den ersten Blick als "Leidenskompendium" etwas "überfrachtet", werde auf den zweiten Blick jedoch "zu einer verblüffend konzisen Befragung des Zufalls als modernem Schicksalsbegriff, der das Leben all dieser Menschen miteinander verzahnt". Für einen "kleinen Wermutstropfen" sorge die "unselige Neigung der Autorin zum sämigen Pathos". Fazit aber: "Letztlich ein verdienter Erfolg in einem nicht durchweg überzeugenden Teilnehmerfeld".

In der Badischen Zeitung (26.5.08) lobt Dorothea Marcus, dass in Mülheim die "Gründe für Sieg oder Niederlage von der Jury so nachvollziehbar offengelegt" würden "wie bei keinem anderen Theaterpreis". Verständlicherweise liegt der Fokus Ihres Artikels auf den Wettbewerbsanteilen aus Freiburg, das in diesem Jahr mit der Wahlfreiburgerin Walser und der Freiburger Inszenierung von Zellers "Kaspar Häuser Meer" "außergewöhnlich stark vertreten" war. Letztere sei "äußerst knapp" "am Hauptgewinn vorbeigeschrammt" und von der Jury "überschwänglich" gelobt worden: für "Musikalität und Tempo", das Einfangen der bzw. Heranschreiben an die Realität, das In-Sprache-Gießen unserer Hilflosigkeit. Dafür habe sie immerhin den Publikumspreis bekommen, der "für das Renommee der Autorin (...) sicher viel tun" werde. Während Juror Wilfried Schulz beklagt habe, dass es außerhalb der Metropolen immer noch äußerst schwierig sei, junge Autoren zu spielen, liefere Freiburg einen "Gegenbeweis": So gut wie "Kaspar Häuser Meer" sei hier "schon lange kein Gegenwartsstück mehr gelaufen".

Der FAZ (26.5.08) ist die Mülheimer Auszeichnung von Lohers "zwischen Dialogen und epischen Passagen pendelndem Gesellschaftsbild" am Montag nur eine Meldung wert, die Süddeutschen Zeitung (26.5.08) fasst sich zur Vergabe des "wichtigsten Preises für Gegenwartsdramatik" ebenso kurz.

Eine "knochenbrechende Kälte" herrscht für Patrick Wildermann in den Stücken Dea Lohers, die er für den Tagesspiegel (27.5.08) porträtiert. Das Irritierende bei dieser Dramatikerin sei, dass "in ihrem Unglücks- und Katastrophen-Kosmos immer wieder auch Wärme" aufstrahle – "in Momenten des irrationalen Aufbegehrens gegen die totale Sinnlosigkeit, der trotzigen Behauptung von Menschlichkeit, wo eigentlich keine Hoffnung mehr ist". Dabei entwerfe Loher "ihre nachtfinsteren Gegenwelten nicht um des Schocks willen" und liebe ihre Figuren stets. Diese seien auf der Suche nach einem Ausweg, einem neuen Leben oder der Liebe. Und auch wenn sie fast alles verloren haben, hielten sie an der Sehnsucht doch immer fest. "Als erklärte Utopistin", die einst bei Heiner Müller den Studiengang 'Szenisches Schreiben' besucht hat, gehe sie "mit Wortgewalt und Bildmacht zu Werke".

Hier lesen Sie, wie wir die Preisentscheidung bewerteten. Wenn Sie sich außerdem selbst ein Bild machen möchten, können Sie auf der "Stücke"-Seite noch mal den Diskussions-Mitschnitt ansehen.

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