Kritikenrundschau zu Felicia Zellers "Kaspar Häuser Meer"
Kantate der Trostlosigkeit
Felicia Zeller sei – so meint Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.1.2008) – "eine Art schwäbische Jelinek, ein Pollesch für die
Damen: produktiv bis zur Hyperaktivität, leidlich berühmt und
berüchtigt für ihre Sprachspiele." Der Titel ihrer neuen Auftragsarbeit
für das Theater Freiburg, "Kaspar Häuser Meer", klinge "verblasen, aber
nicht nach wohlfeilem Sozialkitsch", obwohl es doch ein Stück über "all
die verwahrlosten Kinder" zu werden schien, die "auch im Theater für
Mitleid und Schrecken gut sind". Stattdessen trifft Halter jedoch auf
"graue Büro- und Schmuddelküchen-Prosa, stilisiert zur furios-grotesken
Sprachoper. (...) Das Schicksal der Kinder in der Rhetorik der
Fragebögen, Berichte und Urteile, im aktenmäßigen Sozialamtsdeutsch, in
der Angestelltenlyrik zwischen Teeküche und Krisenintervention."
Regisseur Marcus Lobbes überblende diese "Kantate der Trostlosigkeit
überflüssigerweise mit Schattenbildern von Gewalt-Computerspielen."
Überzeugender sei, "wie er drei Einzelkämpferinnen zum Mänadenchor
formt: Was dem Stimmengewirr Sozialrealismus austreibt, macht es zu
einem stimmigen Bild sozialer Realität."
"Kaspar Häuser Meer" sei "keineswegs als Dokumentation misszuverstehen", schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (22.1.2008). Denn auch wenn sich Felicia Zeller "in den Alltag
deutscher Sozialämter" begeben und "von dort die berufstypischen
Sprechweisen" mitgenommen habe, so montiere sie schließlich "ihre
Sprachfunde zu einer Art Oper. Oder (...) Kantate. Oder, wem das zu
schwer, zu gewichtig daherkommt: Operette." Denn aus der Verzweiflung,
in die sich die Sozialarbeiterinnen hineinredeten, blühe "immer wieder,
und sei es aus nackter Angst, die Komik des Absurden." Mit einer
präzisen Choreographie, "die der nicht psychologischen
Sprachflächenmontage Zellers exakt" entspreche, treibe Marcus Lobbes'
Inszenierung die "Angstblüte der Sozialarbeiterinnen sehr schön und
sehr plausibel heraus". Schulte zufolge ist "Kaspar Häuser Meer" ein
Glücksfall für das Freiburger Theater, das dabei zu sein scheine, "eine
neue – zeitgenössische – Ära des Sprechtheaters zu etablieren".
Kein Erbarmen habe Felicia Zeller mit ihren Figuren, und mitleiden dürfe man auch nicht, bemerkt Siegbert Kopp im Südkurier (22.1.2008). "Wortschwalle, Sprachattacken und Hinterkopfgedanken aus
dem Reich der Sozialarbeiter" seien es, "die uns im Kleinen Haus des
Freiburger Theaters entgegenschallen; bewundernswert rasant skandiert,
heruntergerasselt und gleichzeitig sprachmusikalisch fein abgestimmt
vom Rebecca Klingenberg, Bettina Grahs und Britta Hammelstein." Für
"Kaspar Häuser Meer" habe sich Felicia Zeller zwar in die Sprache der
Sozialarbeiter hineingehört, entstanden sei aber "keine
Sozialreportage, keine Milieustudie, auch kein Betroffenheitsschmus.
Das verhindert hier schon die Hyperaktivität der weiblichen
Sprechwerkzeuge: eine Kunstsprache aus Worthülsen, changierend zwischen
Absicherungszwängen, Verständnisritualen und Verbalattacken."
Es
gehe in Felicia Zellers "sprachgewaltigem Text" über Kindesmisshandlung
"Kaspar Häuser Meer" nicht darum, "jemandem den Schwarzen Peter
zuzuschieben. Nicht den Eltern, nicht dem Umfeld der grauen Fassaden an
den Rändern der Städte – und auch nicht den Jugendämtern und ihren
Sozialarbeitern", schreibt Johanna Schwarz in der tageszeitung (23.1.2008). "'Man müsste ihnen doch helfen – aber man kann auch nicht
allen helfen.' Das sind die Pole, zwischen denen sich die Handlung
bewegt. Eine Handlung, die zugleich die Unfähigkeit zu handeln in sich
trägt." Repetitives Handeln und Sprechen machten Zellers Text aus:
"Hektische, elektrisiert vorgetragene Monologe wechseln sich mit
gebetsmühlenartig unisono abgesungenen Wiederholungen ab, die wie
Inseln der Verlangsamung im Stück treiben." Die Inszenierung von Marcus
Lobbes führe "eindringlich und auf mitreißende Art immer konkreter
werdend" in die Auseinandersetzungen des Stückes hinein.
Ein packendes Stück sei Felicia Zeller gelungen, meint Sandra Helmeke auf Deutschlandradio in Kultur heute (21.1.2008) – "keine Täteranalyse, sondern eine
Groteske über eine ausgebrannte Berufsgruppe." Zeller habe der Sprache
der Sozialarbeiter "einen Rap-Rhythmus verpasst: im hektischen
Sprachduktus die Überlastung und Angst vor Fehlern spürbar gemacht.
Schließlich wob sie in die Sozialarbeiterdialoge Satzfetzen von Eltern
und Nachbarn ein." Es entstehe "das Bild einer ausgebrannten
Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die keine Kraft mehr hat für den
eigenen Nachwuchs." Die Regie von Marcus Lobbes vertraue abgesehen von
kurzen Rockmusik-Einspielern "ganz auf Felicia Zellers Text und auf die
Sprache und Körpersprache der Schauspielerinnen. Rebecca Klingenberg,
Bettina Grahs und Britta Hammelstein wirken wie Gefangene in einem
Hamsterrad – viel Spielraum haben sie nicht, sie machen höchstens ein
paar Lockerungsübungen." Ein "dichter Textteppich" ergieße sich so ins
Publikum, "70 Minuten lang in hohem Tempo: Der irre, monotone Sound der
Sozialämter."













