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Bio-Müll

In "hamlet ist tot" ist Hamlet nicht tot. In der Verkehrung anwesend. Da ist in allen Figuren sein Zaudern, Zögern, seine Unfähigkeit zur Tat, zu einem Schlussstrich, Anfang. Auch die Frage nach der Schuld, die sich hier nirgendwo dingfest machen lässt. Großmutter- oder Mutter- statt Stiefvatermord. Kein Sohn, der den Auftrag des Vaters erfüllt, sondern Väter, die die auftragslosen Söhne schlachten. Die wie Saturn die eigenen Kinder und die Zukunft fressen. Oder Töchter, die vielleicht den unausgesprochenen Auftrag der Vorfahrin erfüllen, dessentwegen ihnen vorm Muttertier doch eigentlich graust. Es ist was faul – vor den Vätern sterben die Söhne, die Alten feiern Geburtstag und die Jungen gräbt man ein. Die gräuliche Familiengeschichte ist dabei nicht nur spannungssteigernder Genre-Untergrund, sondern führt ins Generationenkonfliktzentrum, weist auf die demographische Entwicklung, in die wir mit statistischer Wahrscheinlichkeit hineinsteuern.
Den Kürbis hält Mutter Caro symbolträchtig vorm Bauch, aus dem sie Dani und Mani geboren hat. Diese jedoch sind nur noch verstrickt in einer inzestuösen Liaison, die nicht fruchtbar, nicht Zukunft sein kann. Ihr Blut dicker als Wasser, bis es zum Stillstand stockt. Eine Paarung von Gleichem mit sich selbst, unter Ausschluss eines Anderen. Der masturbierende Mani ein neuer Onan. Jener, der Gottes Zorn auf sich zog, weil er seinen Samen auf die Erde fallen und sinnlos verderben ließ, um seinem Bruder, dessen verwitwetem Weib er sich annehmen sollte, die Nachkommenschaft zu verweigern. Mani nimmt seine einsame Triebtätigkeit, virtuell genährt auch an den Schrecken der Welt, in seiner Single-Drecks-Wohnung für Hoffnung, Religion, den religiösen Akt schlechthin. Während er an der Rampe vom Wichsen spricht, löffelt Caro im Hintergrund den Mutterkürbis aus, dessen Sameninneres auf die Erde klatscht. Abgetrennte Zukunft. Bio-Müll.
Die einzige Schwangerschaft, überdies zweifelhaft und vielleicht nur ein Wunsch oder Alptraum, ist Bine, die für ihren Mutterbauch Spießer-Wand-Geweihe aufsammelt und sie sich unter den Yuppie-Großkaro-Pullunder stopft. Mit ihrem Oli, dem sie sich knutschend versichern muss, sitzt sie am Ende in der Ecke, in der man sich Familie vorstellt wie im Film. Kaum glücklich, mit der sperrig spitzen Totgeburt am Bauch, die gleichfalls kaum Zukunft verheißt. Es ist nichts im Kommen, selbst wenn ein Kind im Kommen wär. So lässt sie sich von Oli unbeholfen die Mär vom Maschinen-Himmel erzählen, verpackt in Ikea-Bildlichkeit, ohne die sich im Horizont dieser Figuren, die gruseliger Weise unsere Zukunft zu sein versprechen, nicht mal der weite Himmelsraum denken lässt.
Anne Peter, 19:02 Uhr
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