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Der Mahner

Am Feiertag fährt kein Bus. Ich laufe zum Bahnhof. Ich sehe eine frische Graffitischicht am Brückenpfeiler. Mach was Verbotenes. Dinge ändern sich. In der Fußgängerzone kaum ein Mensch. Um neun Uhr stehe ich am Gleis, warte auf den Regionalexpress nach Essen. Ein paar Meter neben mir ein graubärtiger Mann, Bierflasche, Schirmmütze, alter Anorak. Er sitzt und wütet, seine Stimme ein empörtes Kratzen. "Deine Gedanken! Deine Lebensweise! Et cetera! Du Sau, du! (...) Fronleichnam! Wessen Leichnam! Wessen Passion? Du Arschloch! Pfeife! (...) Schande! So zu leben! Wie die Tiere! Animalisch! Halt die Schnauze! Die Pharisäer! Scheinheiligkeit! Und so weiter! Unerreichbar! Du Arschloch! Dumme Sau, du! Et cetera! (...) Mensch! Ziege! Greis! Halt die Fresse, du! Komm auf den Punkt hier! Klartext! Dumme Sau, du! Kein Blatt vorm Mund! Alles entzieht sich meiner Kenntnis! (...) Der so genannte superschlaue Mega-Ultra! Deine Gedanken! Deine Worte! Deine Realität! Deine entsprechende Ausdrucksweise! Schreib das auf, du! (...) Deine Tage! Deine Zeit! Guck nicht so blöd!" Ich gucke nicht blöd. Ich schreibe auf. Ich lerne. Kein Blatt vorm Mund. Die Flasche klirrt auf den Betonboden. Der Zug fährt ein. Später, im ICE nach Berlin, treffe ich zufällig jemanden, den ich seit mehreren Jahren nicht gesehen habe.

Jan Oberländer, 11:52 Uhr

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