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Kürbis. Konserve

Nach "hamlet ist tot. keine schwerkraft" sitze ich im Theatersessel und kann nicht aufstehen. Vor die Brust geboxt. Geschüttelt. Die Monologe! Über den leeren Himmel als Maschine, die uns eine Zahl zuweist, einen Platz zuweist im Jetzt und im Später, oder eben nicht. Über ein verstreutes Leben, das aus verstreuten Punkten besteht, durch die sich keine Gerade zieht, das keine Funktion hat, aus der sich eine Ableitung für die Zukunft bilden lässt. Über das große, dumme Hoffen im Befindlichkeitsnichts, über sinnlose Selbstbeschwichtigungen wie östliches Entspannungsgelaber und Masturbation. Das sind harte Texte, zugespitzte, ironische Bestandsaufnahmen einer statischen, ungerecht eingerichteten Welt. Nie sind sie zynisch, nie überlegen, nie selbstgefällig in ihrem Zweifel, in ihrer Verzweiflung. Stephan Lohse spricht sie mit schiefem Grinsen als bitteren, nur allzu wahren Witz. Palmetshofer ist kein Revolutionsposer. Er ist einer, der verstehen will, ein Grübler, ein Buddler, der etwas aufwühlt. Als ich Felicitas Bruckers Inszenierung das zweite Mal sehe, werden die im Stück beschriebenen verkorksten Beziehungen, werden die blutigen Familiengräuel zu mehr als einer Bösfantasie. Zusammen mit den zwischengeschnittenen Monologen ergeben sie das Bild dreier Generationen im Konkurrenzkampf. "Die Alten feiern Geburtstag und die Jungen gräbt man ein", das ist der Satz. Caro, die Mutter, steht da mit einem Kürbis vorm Bauch, ihr Sohn, Mani, redet vom Hoffen und Wichsen. Caro löffelt die Kerne aus der Frucht, verstreut sie als beziehungslose Punkte auf der Bühne, es sind ihre Kinder, deren Leben. Hier steht alles still, jeder blockiert jeden. Sie kriegen keine Linie rein, sie kommen nicht raus. Es bringt sie um, es sprengt ihnen den Schädel, so wie der Vater, Kurt, den Kürbis zerstampft. Fruchtfleisch am Schuh, ein paar Brocken sammelt er auf und tut sie in ein Einmachglas. Als Rest, als Speicher, als Erinnerung. Als Geschichte im Keller. Aber auch: als Zukunftskonserve. Als Reagenzglas. Dies ist ein schöner, konstruktiver Trick von Brucker, in all der destruktiven, hoffnungslosen Wiederholung, der Fruchtlosigkeit, dem Kulissenleben. Die Inszenierung stellt, wie Palmetshofers Text, die Frage nach dem Neuanfang. Nach dem Systemwechsel. "Man müsste", sagt Kurt zu Beginn, "das Vögeln neu erfinden". Die Kerne im Glas markieren so einen Anfang. Keinen Ausweg, aber eine Idee. Ein Anderes, irgendwas. Ein Möglicherweisevielleicht.
Jan Oberländer, 13:57 Uhr
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