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Schreibwohngemeinschaft

Ein bisschen so wie wenn die Hälfte der Ferien rum sind. So fühlt sich das gerade an hier. Dreizehn Tage Festival liegen hinter, acht noch vor einem. Mit dem ersten Regentag heute und dem Gedanken, dass das Ende des Ferienlagers dem Jetzt näher ist als sein Anfang, schleicht sich die Melancholie ein. Mit dem ersten Mietfahrradeln durch den beblümten Müga-Park am ersten Tag war dieses Feriengefühl da und trotz sofortigem Schlafdefizitsaufkommen nach der ersten Nachtschicht und seitheriger Kaumwiederaufholung auch nicht mehr zu vertreiben. Ferienlager eben. Durchgoogelte statt durchsoffener Nächte. Durchschriebene, durchlesene, durchredigierte Nächte. Und Tage, an denen man aus dem Bett direkt auf die Tastatur kippt. An denen vor dem Duschen die Anmoderationen kommen. Die beim späten, eher mittäglichen Frühstück mit banalisierenden Polleschsatzwitzen beginnen. Um den Küchentisch herum wechselt die Autorenbesetzung, manche bleiben eine Nacht, andere eine Woche. Zwischen Kaffeeschlucken Kontroversen darüber, wie die stumme Automatenslapstickszene von "Liebe ist kälter als das Kapital" sich eigentlich zum Rest verhält, und wie karikatureske, aber letztlich ja doch repräsentierende Darstellung – oder? – zu den darauf folgenden Repräsentationsverweigerungssätzen. Überlegen, ob Polleschs Akteure jemals Sätze sagen müssen, die der Meister nicht auch in einem Interview von sich geben könnte. Alltagstauglich sind jedenfalls viele von ihnen. Herumgereicht wird die schließlich von allen vehement verneinte Frage, ob sich jemand an diesem Tisch zu der Generation gehörig fühlt, die Laura de Wecks "Lieblingsmenschen" vermeintlich bilden. Was sie mit dem Authentischen meine, und ob sich dieser Begriff nicht irgendwie auf zweierlei Ebenen beziehe: erstens auf die Figurensehnsüchte und zweitens auf die Darstellungsweise durch die Autorin, die aber ja eine künstliche sein will. Von den Kritikern aber als realistische genommen wird. Übereinstimmung darüber, dass die "Counter Strike"-Projektionen in Lobbes’ Zeller-Inszenierung ziemlich viel Sinn machen: drei Damen vom Amt, nicht nur besorgt um zockende Kinder, sondern selbst im Kreuzfeuer, unter Beschuss der Bürokratiemaschine. Und wo sind in Palmetshofers Viereck noch mal die Achsen? Wie war das mit der Unendlichkeit, die von der Länge in die Breite? Wieder wechseln vom Küchen- an den langen Schreibtisch mit den zwei oder drei versetzt stehenden Laptops. Beständiges, aber nicht unproduktives Verquatschen der Konzentration und dann brütende Tipp-Phasen. Überschriftsideen, Änderungsvorschläge, Formatierungsvereinbarungen wandern nach gegenüber. Termingeplane und To-do-Geliste. Auch mal drei Augenpaare auf einen Bildschirm – manchmal muss jedes Wort ausdiskutiert werden. Schreibwohngemeinschaft. Zwischendurch zum x-ten Mal Spaghetti. Wieder sprechen dabei. Tage voller Verlinkungen. Zwischen Stücken, Menschen. Gedankenaustauschnetze, die nicht bloß fürs virtuell Weltweite gedacht sind, sondern in Gesprächen durch den Raum gespannt werden. Gemeinsames Austesten, Gegeneinanderstellen der Sichtweisen, Formulierungsfindungen, denen das Gegenüber hervorhilft. Kein Klüngel, sondern Schärfeschulung. Die gute, alte Verfertigung der Gedanken beim Reden. Und dann beim Schreiben. Oder umgekehrt. Netzwerkkinderferienlager.
Anne Peter, 13:35 Uhr
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