blog
Abbau

In "Lieblingsmenschen" leben fünf schicke junge Menschen präzise aneinander vorbei. Studieren irgendwas und reden nicht drüber, gehen zusammen ins Bett und haben eigentlich gar keine Lust. Sind sich selbst schon zu viel, aber sehnen sich, sehnen sich ganz arg. Irgendwann fällt der Strom aus auf der hellen, kühlen, glatten Bühne, dann leuchten ein paar iBooks im Dunkeln. Kleine Lichter im großen Nichts. Applaus, Bravos, Verbeugungsrunden. Als das Publikum den Saal verlassen hat, beginnt ein anderes Stück, die Umkehrung des ersten. Die Crew tritt auf, schwarze T-Shirts, Cargohosen, Arbeitshandschuhe mit abgeschnittenen Daumen- und Zeigefingerspitzen. Einer löst die Bodenschrauben, ein anderer sammelt sie ein, zwei hebeln eine Plexiglaswand aus ihrer Verankerung, der nächste stellt den Rollwagen bereit. Ein Bärtiger greift sich den Stuhl, auf dem kurz vorher noch ein hübscher Lockenkopf vor seinem Laptop saß, steigt drauf und nimmt ein Kabel ab. "Das ist Arbeit! Echte Arbeit! Damit verdien ich was, um zu leben, kapiert ihr?" So steht es im Theatertext, hier herrscht ein anderer Ton. Kurze Kommandos, ein "Stopp!", ein Ächzen. "Und weg damit!" Akkuschrauber surren, alles greift ineinander. "Nichts kann er, der Idiot!" Es klingt zärtlich, weil es nicht wahr ist. Grinsen. Schluss. "Kommt, Rauchen!" Nach einer Stunde ist die Bühne leer, das letzte Licht fällt auf den mattschwarzen Boden, die Grundlage für jede immer wieder neue Welt.
Jan Oberländer, 16:47 Uhr
Hier Ihr Kommentar












