Nach einer Woche Festival wird im Theater an der Ruhr "Das Fest" gefeiert – und wie!

Würstchen und Wunder

von Jan Oberländer

10. Mai 2008. Die Sonne scheint, und es gibt Eiscreme umsonst, jedenfalls eine Kugel, während die Schlagzeug-Scherzkekse "The Drumbassadors" vor dem Theater an der Ruhr eine neugierige Menschenmenge zusammentrommeln. Fahrräder werden abgestellt, Programmzettel studiert, Fotoapparate gezückt. Nach einer Woche "Stücke"-Festival beginnt auf der Bühne und im Grünen hinter dem Theater ein Fest, "Das Fest" nämlich, mit einem Programm bis in die Nacht.

Die Eröffnungsrede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld ist schon mal durchaus geeignet, gute Laune zu verbreiten: Das Label von der "Theaterstadt Mülheim" scheint nach Mühlenfelds Aufzählung einer beeindruckenden Anzahl von aktuell existierenden Festivals, Spielstätten, Amateur- und Jugendgruppen durchaus mehr als eine Marketingphrase zu sein. Und der Zukunftsplan, das Theater als Pflichtbestandteil der schulischen Bildung zu verankern, zeugt von einem erfreulichen kulturpolitischen Enthusiasmus.

Im Raffelbergpark glüht derweil bereits die Grillkohle, Luftballons schweben über den Gewässern und die "Drumbassadors" wechseln sich auf einem Mini-Podest mit den virtuos fröhlichen Blechblas-Rockern von "Volle Kanne" ab. Fürs erste aber muss eine Nase voll Würstchenduft reichen, erstmal ist Theater.

Nagen am Plagegeist

Genauer: Händl-Klaus-Theater. "Holla" heißt das abgründig absurde Kurzstück des Tiroler Dramatikers, der 2004 mit "(Wilde) Mann mit traurigen Augen" und 2006 mit "Dunkel lockende Welt" am Mülheimer Wettbewerb teilnahm. Stefan Otteni hat es am Stadttheater Bern inszeniert, nun ist es im Saal des Theater an der Ruhr zu Gast. Auf plüschigem Kunstrasen flüchtet die Hauptfigur Herr Steinbach vor seiner eigenen Identität. Er singt die von der Decke hängenden Lampenmonde an, wird von seinen drei Mitspielern im Kreis herumgejagt, mit Mietverträgen und neugierigen Fragen genervt, verbarrikadiert sich verzweifelt im Kühlschrank und nagt dort drinnen nicht nur an einer Speckschwarte, sondern später auch an einem seiner Plagegeister.

Händls Sprache ist rundgeschliffen, fast lyrisch, und bisweilen in Stückeldialoge gepackt, die mit dem Stop-and-go der Verfolgungsszene bestens korrespondiert. Im berührenden Schlussbild rollt Herr Steinbach den Rasen beiseite und legt sich auf den nackten Bühnenboden, ganz nah unter eine Deckenlampenkugel. Das Licht geht langsam aus: Ein Tod, ein Nichts-mehr-werden-Wollen. Endlich eine liebe Ruh.

Leichthändiger Übergang nach dem Schlussapplaus: Der Autor greift sich einen Bühnenstuhl, hockt sich drauf und liest eine Reihe wundersamer, motivisch lose verbundener Prosabrillianten vor: Hunde und Schulkinder, Gartengrün und einsame Herren. Und immer wieder der Tod: "Er schwang sich aufs Rad wie ein Junger, war aber alt, fiel um und starb glücklich auf der Stelle." Es sind präzise gebaute, freundlich-böse Geschichten, die Händls bedächtiges Tirolerisch umso eindringlicher wirken lässt.

Russisches Rattenfallen-Roulette

Ein erster Höhepunkt des Abends, doch nicht der letzte. Draußen trotten drei übergroße, runzelnasige Schmunzelmonster, die drei "Alten Damen" vom Bouldegom Théâtre aus Marseille, lieb und stumm und zutraulich durch die Menge, die Bierschlange ist lang und der Andrang vor dem Zelt im hinteren Teil des Gartens groß.

Markus Zinks Zaubershow "Schrott!", die dort alsbald beginnt, lebt von dem hornbebrillten und wirrhaarigen "ZINK!", der sich als manischer Magier, Stoffkaninchenquäler und Spielkarten-aus-der-Luft-oder-doch-nur-aus-dem-Ärmel-Greifer ständig selbstironisch selbst entzaubert, bevor er umso verblüffendere Tricks nachschiebt. Skurrile Metallgeräte wie das Rattenfallen-Roulette oder das fluguntüchtige, aber beeindruckend quietschende und funkensprühende Flugmobil sind die besonderen Attraktionen dieses kalauernden Zauber-Düsentriebs. Zinks Pointen zünden: Während die Besuchermenge in den abendlichen Park hinausströmt, schaut eine Besucherin ihren Begleiter vergnügt an: "Ich habe dich lange nicht so lachen sehen."

Eine halbe Stunde später ist das Zelt nicht wieder zu erkennen. Kerzen leuchten auf der mit schweren Teppichen ausgelegten Bühne, von einem Lautsprecher aus übersieht eine Gipsmadonna den Raum. Unter dem tiefblauen, weißbesternten Zelthimmel verrocken vier dunkel gekleidete junge Männer die Songs der englischen Synthiepop-Helden Depeche Mode. "My darkest star" heißt diese vom Hamburger Thalia Theater produzierte, machtvoll melancholische Messe, die nicht nur das druckvolle Zusammenspiel der Band, sondern vor allem auch der Sänger und Thalia-Schauspieler Felix Knopp zu einem Erlebnis machen.

Seelenpop und Pathos

Knopp, mit seiner satten, heiserwarmen Stimme, mit strähnigem Haar und offenem Hemd, der im Gegenlicht mit dem Mikroständer tanzt. Das Publikum wirbelt und springt, Knopp kniet auf der Tanzfläche vor einer jungen Frau, die große Seelenpop-Pose, Pathos, Balsam. Irgendwann leuchtet nur noch eine Kerze im ansonsten dunklen Zelt, Knopp und sein Gitarrist Marco Schmedtje sitzen wie vorm Lagerfeuer. Knopp singt, ohne Mikrofon: "I'm waiting for the night to fall / when everything is bearable." Die Stimme füllt den Raum, die Flamme verlischt, das Lied geht weiter: "And there in the still / all that you feel is tranquillity." Ein schöner, tiefer, entrückter Moment.

Nach dem Konzert ist der Park dunkel und kühl, nur wenige Besucher sind noch da. Ein letztes Getränk, ein paar letzte Gespräche. Verklärte Stimmung: Das Fest, die Nacht ist voller kleiner Wunder.

Lesen Sie mehr zum "Stücke"-Fest auch im Blog.

Kommentare (1)add comment
Lob
geschrieben von jela , 12. Mai 2008, 01:05

Schön in Worte getaucht!
Ein sehr beglückender Abend - war auch dort




Kommentar schreiben
kleiner | groesser
 

busy