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Wie das Theater beinahe die Kreditkrise verhindert hätte – die "Stücke"-Eröffnung durch Rimini Protokoll schließt eng an das Vorjahr an

Déjà vu und Wahrheit

von Morten Kansteiner

4. Mai 2008. Vor einem Jahr schossen die Signale in alle Richtungen. René Pollesch hatte den Mülheimer Dramatikerpreis 2006 gewonnen, und als erster Preisträger lieferte er einen exklusiven "Beitrag" für die Eröffnung des folgenden Festivaljahrgangs. Es wurde ein Brief, in gewisser Hinsicht. Jedenfalls ein Text voller Sehnsuchtssignale, die sich an "Eve" richteten, was sich spricht wie "Yves" und in diesem Fall den Anderen beschwört, mit dem eine Begegnung jenseits von Authentizität und Wahrheit möglich wäre. Gleichzeitig war es ein Essay mit gelegentlichen Signalen der Gelehrsamkeit: Er streifte Baudrillard, raunte vom "Phantasma der Ökonomie".

Und damit war Pollesch ganz nah an der Katastrophe, die damals noch keine war. Denn wie lässt sich Jean Baudrillards Rede von den Zeichen, die nur noch als Kopien von anderen Zeichen existieren, ohne irgendeine Verankerung in der Welt der Dinge, besser illustrieren als mit jenen Krediten, die so oft gebündelt, verpackt und verkauft werden, bis sie jede Haftung am festen Boden der Immobilien verloren haben?

"Gläubiger" kommt von glauben

Und wie wiederum ließe sich die menschliche Seite des Sich-Verspekulierens besser veranschaulichen als mit den Methoden von Rimini Protokoll? Auch die Produktion, mit der Helgard Haug und Daniel Wetzel sowohl den Dramatiker- als auch den Publikumspreis bei den "Stücken '07" gewannen, hat die Kreditkrise im Grunde schon vorweggenommen. In "Karl Marx: Das Kapital, Erster Band" tritt ein rechtskräftig verurteilter Hochstapler auf die Bühne. Er erzählt, wie er als angeblicher Anlageberater ohne jegliche Qualifikationen eine neunstellige Summe eingesammelt hat. Und wie manche Gläubiger selbst dann noch an gewaltige Gewinne glauben wollten, als er schon ins Ausland flüchten musste.

Damals konnte man auch als Zuschauer die eigene Vertrauensseligkeit testen. Handelt es sich bei dem Mann auf der Bühne wirklich um den Hochstapler Jürgen Harksen? Immerhin behauptete er es. Und bei Rimini Protokoll ist es ja auch üblich, dass die Akteure über eigene Erfahrungen sprechen. Die Auflösung lieferte das Programmheft: Der Mann war keineswegs Harksen, sondern Ulf Mailänder, der zusammen mit Harksen ein Buch über dessen Leben geschrieben hatte. Lektion gelernt? Bereit für die nächste Schwierigkeitsstufe?

Sehnsucht nach dem Original

Als Preisträger des Vorjahres haben Helgard Haug und Daniel Wetzel für die Eröffnung der diesjährigen "Stücke" einen neuen Test arrangiert. Es war in gewisser Weise ein Déjà Vu: Wieder tritt Mailänder auf die Bühne und erklärt, sein Name sei Jürgen Harksen. In einfachen Verhältnissen aufgewachsen, habe er in Hamburg als Anlageberater firmiert, bald das erste Geld anvertraut bekommen – und so weiter, wie gehabt.

Gleichzeitig handelte es sich dieses Mal aber um eine Gegenüberstellung. Denn kaum hat der Herr in der beigen Hose und dem weißen Hemd von seiner Verurteilung berichtet, löst ihn ein sportlicher gekleidetes Pendant auf der Bühne ab: Sein Name sei Jürgen Harksen, sagt auch er. Vor wenigen Monaten sei er aus der Haft entlassen worden. Während er noch einsaß, habe er leider keine Genehmigung bekommen, bei der "Kapital"-Produktion mitzuspielen. Aber ohnehin, beteuert er, hätte er sich selbst nicht besser spielen können als sein Freund Mailänder.

Illusion als Erlösung

Wenn dieser zweite Mann, der mit der dunkelblauen Schirmmütze, die Wahrheit sagt, dann ist er ein Hochstapler. Aber ganz ehrlich: Hätten Sie ihm nicht dennoch umgehend geglaubt? Die Sehnsucht nach dem Original, dem Individuum ist einfach zu groß. Der Versuch hingegen, mit einer unendlichen Kette von Klonen zu rechnen, ist fürchterlich anstrengend. René Polleschs Streben nach einer Begegnung, die weder in Wahrheit noch Authentizität verankert ist, ist ein mühsames Unterfangen.

Die Methode von Haug und Wetzel hingegen bedient die alte Sehnsucht. Wenn in Rimini-Protokoll-Produktionen Bestatter vom Bestatten reden und LKW-Fahrer vom LKW-Fahren, darf man sich entspannen. Wenn aus dem Schatten des falschen Hochstaplers letztlich ein echter hervortritt, stellt sich das beruhigende Gefühl ein: Diese Theaterwährung ist abgesichert, besser als mit Gold. Und so gewährt ausgerechnet die Illusionsmaschine Theater eine vorübergehende Erlösung von der Welt der austauschbaren Zeichen.

Doch Obacht, man sollte vor lauter Entspannung die eingestreuten Irritationen nicht übersehen. So bemerkt der echte Jürgen Harksen – wer wollte ernstlich an seiner Identität zweifeln? – ganz nebenbei, er habe von der Harksen-Verkörperung des Ulf Mailänder "viel über mich gelernt". Da geraten die Abbildungsverhältnisse mit einem Mal ins Changieren: Wer ist jetzt wessen Wahrheit? Und plötzlich ist der Weg zu der Sentenz, mit der René Pollesch seinen Eröffnungstext einleitete, doch wieder nicht so weit: "Es muss der Betrug sein, der unsere Zeit miteinander so reich macht."

Hier gelangen Sie zu Folge eins und zwei unseres Interviews mit Helgard Haug und Daniel Wetzel.

Mehr zu Rimini Prokoll lesen Sie auf nachtkritik.de: nämlich zu ihrem Wallenstein, zur Uraufführung: Der Besuch der alten Dame, der Peymannbeschimpfung, zu Breaking News und 100 Prozent Berlin.

Kommentare (2)add comment
Turing-Test
geschrieben von Peer Ugino , 05. Mai 2008, 17:05

Rimini Protokoll sollten mal einen Abend über den Turing-Test machen - das ist ein ernst gemeinter Vorschlag!
Der Turing-Test ist ursprünglich als Test für die künstliche Intelligenz des Computers konzipiert - ein Tester stellt Fragen an einen Menschen und an einen Computer, die ihm aber beide nicht sichtbar sind. Wenn der Computer es schafft, dem Tester glaubhaft zu machen, er sei der Mensch, oder wenn der Tester zwischen beiden nicht unterscheiden kann, dann ist die Intelligenz des Computers nach Turing nicht mehr von der menschlichen unterschieden.
Der Test lässt sich natürlich auf alles Mögliche ausweiten: auf Fakes und Hochstapler wie etwa Harksen und Mailänder. Zwei Leute geben vor Nobelpreisträger (oder geheilte Autisten oder Frauen oder Nazis oder Regisseure oder Pferdeflüsterer) zu sein, erkennt das Publikum den richtigen? Ein KI-Experte und René Pollesch müssten den Abend moderieren.



...
geschrieben von anders , 05. Mai 2008, 23:05

da hat der herr kansteiner aber so was von recht: rimini bedient die alte sehnsucht nach unterhalten, so wie bohlen, nur dass es hier gescheiter ausschaut, aber nur ausschaut - es ist ganz billiges unterhaltungstheater. und das, wovon die reden, findet auf der bühne einfach nicht statt.



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